Liebe Freunde,
Hier ein spannender Artikel von jemanden der sich Gedanken gemacht hat.
Ihr seit alle eingeladen diesen Text zu lesen, tagen, verbreiten, Kritisieren und modifizieren.
Hauptsache Konstruktive!
Like Offenbach (*_*)
Vorschläge für eine bessere Kreativstadt Offenbach
Vor einigen Wochen las ich auf der Seite des Tagesspiegels einen Artikel (http://www.tagesspiegel.de/kultur/nur-zur-dekoration/4356444.html ) über das Projekt “Based in Berlin“, mit dem selbige Stadt dort ansässige junge Künstler und sich selbst als “Kulturstadt“ präsentiert. Grob zusammengefasst beklagt der Autor darin, dass Künstler als Pioniere, Experten und nicht zuletzt als Opfer von Gentrifizierung lediglich als Belegexemplare der erhofften Standortverbesserung ausgenutzt werden, anstatt ihr kritisches Potenzial für eine humanere Stadtentwicklung zu nutzen. Weiters, dass insbesondere junge Künstler sich mehr oder weniger kritiklos vereinnahmen lassen, anstatt ihre Situation auch stadtpolitisch zu reflektieren und eigene Positionen einzubringen. -Wie das z. B. in Berlin andere Künstlergruppen getan haben.
Kurz darauf sah ich auf der Seite der Offenbach Post, dazu passend, einen Bericht (http://www.op-online.de/nachrichten/offenbach/kunst-politik-tisch-1304788.html ) über ein “Werkstattgespräch“ zwischen Künstlern und der grünen Bürgermeisterkandidatin Birgit Simon. Gegen Ende des etwas gönnerhaft zusammenfassenden Artikels stand ein Zitat der Grünen-Stadtverordneten Sabine Grasmück-Werner: „Ihr Künstler solltet nicht nur fordern und fragen, was die Stadt für euch tun kann. Ihr solltet euch auch fragen, was ihr für die Stadt tun könnt.“
Das machte mich im ersten Moment einfach nur wütend, Verzeihung Frau Werner, unbekannterweise, ich erkläre auch warum:
Als sogenannter freier Autor, sofern ich dazu noch Zeit habe, vor allem aber als Mitorganisator des Waggons am Kulturgleis, in dem jedes Jahr Dutzende nicht gerade reiche Künstler ihre Arbeit präsentieren, weiß ich ziemlich genau wie hart der Existenzkampf für real Kreative auch in der “Kreativstadt“ ist. Wenn man dann zuhört, wie gern man sich städtischerseits mit Kreativstandort-Floskeln beweihräuchert und am Ende auch noch fordert, dass man doch mehr tun sollte, bleibt eine Menge Wut zurück.
Beide Artikel zusammen haben dann in der Folge diesen Denkprozess bei mir bewirkt:
These 1: Weil einerseits Finanznot, andererseits die Suche nach Freiräumen viele Kreative umtreibt, zieht es sie in prekäre oder problematische/unbeliebte urbane Räume. Da sie diese auch als Chance auf Freiraum und nicht nur als Problembezirke betrachten, sind sie teilweise in der Lage sie kreativ neu zu betrachten und letztendlich auch materiell wie sozial zu verändern.
These 2: Da viele Städte das inzwischen erkannt haben, ist die Bereitschaft größer, Kreativen für Übergangszeiten und unter Auflagen Räume in diesen urbanen Brachen zur Verfügung zu stellen. Wenn die erhoffte Gentrifizierung erfolgt ist, können die, die erfolgreich geworden sind bleiben. Der Rest, ebenso wie die ursprünglichen Einwohner können sich eine hässlichere und billigere Gegend suchen gehen.
These 3: Das bedeutet aber, dass das -ich nenne es jetzt mal so- kreative Prekariat, durchaus Einflussmöglichkeiten auf die eigene und die städtische Situation hat. –Vorausgesetzt “wir“ sind dazu in der Lage uns einerseits zu organisieren und andererseits konkrete Angebote an die Stadt zu machen. Angebote, die sowohl das sozialurbane Klima verbessern helfen als auch Lebens und Überlebensmöglichkeiten für Kreative schaffen. Idealerweise stehen am Ende solcher erfolgreich ausgehandelter “Kreativstadtprojekte“ nicht nur lebenswerte und beliebte Stadtviertel, sondern auch solche, in denen prekäre Schichten, kreativ oder nicht, ihren Anteil behaupten können und dürfen.
So macht Frau Grasmück Werners Aussage, was Künstler sollten, so etwas wie einen positiven Sinn: Wenn wir tatsächlich in der Lage sind, auszuarbeiten und konkret darzustellen, was wir „für die Stadt tun können“, können wir dafür auch Bedingungen stellen, die sowohl der Stadt als auch uns zugutekommen. Dieses “wir“ könnte eine Art Vertretung gegenüber -oder in Zusammenarbeit mit- der Stadt sein, in die frau/man ihre/seine Ideen, Projekte und Vorschläge einbringen und zur Diskussion stellen kann. Vorschlagsrecht sollten im Sinn einer weitreichenden Bürgerbeteiligung auch Nichtkünstler/-kreative haben. Bedingungen wären ein weiter gefasster sozialer/urbaner Nutzen in Verknüpfung mit Arbeits/Lebens/Raum-Möglichkeiten für Kreative, für beide Seiten realistische Finanzierungsmöglichkeiten, und, wichtig, soziale Nachhaltigkeit. -Offenbach kann ruhig eine Ecke Prenzelberg oder Bornheim (wenn`s sein muss..) integrieren, aber die müsli-essenden akademischen Nachwuchserzeuger müssen Kindergarten und Schulplätze weiterhin mit dem vorhandenen “Pöbel” teilen können. Vermutlich würde das der einen wie der andern Seite sowieso nicht schaden.
Wie so ein Vorschlag aussehen könnte, demonstriere ich gerade mal an meinem persönlichen Lieblingsprojekt. Sorry, ich wünsche mir einfach mehr reales Grün in diese Stadt:
“Die internationale Gartenstadt OF“
In Offenbach, wie in einigen anderen deutschen Städten auch, gibt es bereits das Projekt der internationalen Gärten (http://www.stiftung-interkultur.de/hessen/offenbach-am-main ). Hier soll es Migranten wie Einheimischen ermöglicht werden mit und nebeneinander ganz wortwörtlich Wurzeln zu schlagen, gemeinsames Gärtnern als integratives, von kulturellen und räumlichen Barrieren freies Zusammenkommen.
Was wäre, wenn man mitten in der Stadt, auf den zahlreichen zu-betonierten Plätzen, Straßen und Brachen, den hier lebenden Volks und Kulturgruppen die Möglichkeit gäbe, etwas von dem was sie an ihrer Heimat besonders lieben, in Form kleiner aneinandergrenzender Parks und Gärten auszudrücken? Was wäre, wenn ich vom türkischen Serrail-Garten am Hugenottenplatz direkt in den griechischen Felskräutergarten gehen und dann, einmal durch die Fußgängerzone, dem lang gezogenen indischen Gewürzweg Richtung Aliceplatz folgen könnte?
Wäre das total verrückt?
Es wäre zuerst mal hochintegrativ, weil es den Menschen, die hier leben, das Gefühl vermittelt mit dem was sie an ihrer Heimat lieben ganz real in der Mitte der Stadt angekommen zu sein. Kaum etwas verbindet Menschen und Orte mehr und ideologiefreier mit “ihrem Land“, ihrer Stadt, als diese selbst zu gestalten und zu bebauen. Vor allem in Zeiten zunehmender und ständig verlangter Arbeitsplatzmobilität. Nichts stärkt das Gefühl von gemeinsamer Verantwortung für einen Ort mehr, als das Gefühl emotional dort vertreten zu sein. –Was auch ein Ansatz der bereits existierenden internationalen Gärten ist. Im Übrigen und für die Multikulti-Fürchter: Nichts spricht gegen einen deutschen, einen bayerischen, einen Hugenotten oder einen -Kernzone Europa- deutschfranzösischen Freundschaftsgarten. Die Bewerbungen um die Gartenteile, sagen wir mal zwischen 100 und 200 qm groß, stünde allen Gruppen der Stadt offen.
Natürlich gäbe es Bedingungen, solche z. B.: Jede Gruppe die sich bewirbt muss ein Verein sein (oder einen solchen gründen) um Bau und nachträgliche Betreuung ihres Abschnitts zu gewährleisten. Jeder Garten muss fließend in einen einer anderen, nicht frei wählbaren Gruppe übergehen (um nationale Abneigungen nicht zu verfestigen). Gemeinsame Kioske mit entsprechender Gestaltung und Angeboten könnten an diesen Übergängen entstehen. Um dort zu verweilen, gemeinsam zu feiern, aber auch um z. B. künftige Instandhaltungs und Renovierungsarbeiten zu finanzieren.
Die eingereichten Vorschläge der Gruppen werden von der Stadtplanung und interessierten Bürgern geprüft. Jede zugelassene Gruppe wird in den Planungs- und Bauphasen ein bis zweimal im Monat von einem Künstler betreut, der für die Projektdauer einen kostenlosen Atelierplatz in Offenbach erhält, und zusammen mit den Beteiligten jeweils ein Landart-Objekt oder eine Skulptur ihres Inter-Nationalgartens erarbeitet. Die Künstler bilden auch jeweils das Verbindungsglied zur Stadtplanung, besprechen mit ihren Gruppen was möglich und was nicht möglich ist, und müssen sich um ihren jeweiligen “Gartenbauverein“ bewerben.
Finanzierungsmöglichkeiten wären integrative und soziale Stiftungen, die Soziale Stadt und Stärken vor Ort-Nachfolgeprojekte der EU, und ein, für die angestrebte positive Veränderung von Stadt und Gesellschaft, vermutlich erstaunlich geringer Eigenanteil der Stadt.
Der konkrete Nutzen für die Stadt läge mehr als auf der Hand: eine lebenswertere City, gesteigerte soziale Integration und Identifikation mit dem gemeinsamen Raum. Ein international vorbildliches Projekt, das die Stadt über ihre Grenzen hinaus bekannt und anziehend macht.
Und selbst? Bessere, andere Vorschläge? Grundsätzliche Kritik? Wird dadurch vielleicht der “freie Künstler” in die Sozialarbeiterecke gedrängt? Aber stehn da nicht sowieso schon genug von uns rum um sich über Wasser zu halten und könnte man damit nicht mehr anfangen? Das hier soll vor allem mal ein Diskussionsansatz sein, und ich hoffe, dass sich viele möglichst konstruktiv daran beteiligen!
Und an die Stadt gerichtet: Was ich möchte, ist, dass das große Potenzial, das es hier hat, auch tatsächlich genutzt und noch größer wird. Um es mal platt zu sagen, bin ich erst dann zufrieden, wenn man nicht mehr nach Berlin geht, weil es da so spannend ist, sondern umgekehrt. Das mag größenwahnsinnig klingen, ist aber, wenn Stadt und Mensch konsequent zusammenarbeitet, möglich. Berlin hat die Vielfalt und Relevanz seiner Szene vor allem dadurch erreicht, dass es günstigen Raum und Möglichkeiten bot. Zurzeit und im Kleinen befindet sich die Kreativstadt OF auf einem ähnlichen aufsteigenden Ast. Das liegt, neben den Leuten, die hier bereits aktiv sind, auch daran, dass immer mehr Kreative aus RheinMain/Frankfurt nach Offenbach kommen. -Was wiederum vor allem an den (noch) günstigeren Mieten liegt. Frankfurt war bis in die Achtziger hinein ein starker Szene-Standort, hat aber seitdem durch rasant steigende Mieten und eine Kulturpolitik, die sich auf Hochglanz-, sg. Leuchtturm- und Museums-Kultur beschränkte, enorm an Anziehungskraft und Ausstrahlung für Subkulturen jeder Art verloren. Seit einigen Jahren hat man das dort augenscheinlich erkannt und versucht mit Projekten wie den Atelierhäusern oder dem Kunstverein Familie Montez zumindest teilweise gegenzusteuern. Auch dort hat sich die Erkenntnis irgendwann durchgesetzt, dass Hochkultur ohne einen entsprechenden und vor allem lebendigen Untergrund zu einer mehr oder weniger toten und vor allem nicht anziehenden Stadt führt. Man könnte sich diesen Fehler, den viele Städte gemacht haben oder gerade wieder machen, sparen und einen wegweisenden neuen und innovativen Kurs, der Kultur und Soziales verbindet einschlagen. Offenbach ist in vielen Auswirkungen von Globalisierung, Migration und Wirtschaftsentwicklung exemplarisch für das, was in der Welt geschieht. Gerade hier können und müssen neue Möglichkeiten damit anders umzugehen entwickelt und erprobt werden. Gerade deswegen kann eine Stadt wie Offenbach, wenn man es denn tatsächlich angeht, zu einem national und international ausstrahlenden Nukleus für eine andere, bessere Stadtentwicklung werden.
Zum Download: kreativstadt / Georg Klein
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